Das KI-Horror-Szenario aus dem Arbeitsalltag & ein Workflow (15 Minuten), der wirklich funktioniert

Neulich durfte ich jemandem helfen, KI „endlich mal“ einzurichten. Und ich habe dabei etwas gesehen, das ich nur als analoges KI-Horror-Szenario beschreiben kann.

In einem Unterstützungssetting sollte eine Person beim Einstieg in KI-Tools begleitet werden. Das Ziel war eigentlich maximal banal: einen brauchbaren Text erzeugen, ihn zu verbessern und anschließend zu verwenden.

Stattdessen erwartete mich ein Ablauf, der wie ein Lehrbuchbeispiel für „maximaler Aufwand, minimaler Nutzen“ wirkte und als das Non-Plus-Ultra bis aufs Blut verteidigt wurde:

Neuer, roher Account ohne Einrichtung

Der Account war zwar viel genutzt worden, aber „blank“, ohne jegliche Grundeinstellungen, ohne klare Vorgaben zu Stil, Zielgruppe, Struktur oder Qualitätsmaßstab. Lernen deaktiviert.

Ein Prompt – ohne Parameter, ohne Kontext, ohne Zielsystem

Es wurde eine Frage oder ein Prompt eingegeben, der entweder zu simpel oder unnötig lang war, aber in beiden Fällen fehlte das Entscheidende:

Zielgruppe

Tonalität

Format

CTA

Inhaltliche Leitplanken

Qualitätskriterien

Beispiele / Referenzen

gewünschte Länge / Struktur

Das Ergebnis wurde ausgedruckt – und analog „bearbeitet“

Der KI-Text wurde nicht im System iterativ verbessert, sondern ausgedruckt, mit Marker markiert, anschließend in ein Textprogramm übertragen, dort „zusammengezogen“ und manuell zurechtgerückt.

Mehrfacher Neustart statt iterativer Verbesserung

Anstatt aus einer Version gezielt eine bessere Version zu formen, wurden fünf Varianten desselben schlechten Ausgangsprompts erzeugt um anschließend aus diesen fünf mittelmäßigen bis schlechten Outputs händisch!!! eine neue, ebenfalls schwache Mischfassung zu basteln.

Imitation statt Entwicklung

Danach wurde ein Stapel fremder Newslettertexte von Copywritern als Referenz hinzugezogen. Nicht um Prinzipien zu verstehen oder zu extrahieren („Was macht den Stil aus?“), sondern als Maßgabe: „Mach es wie dieser Copywriter.“

Wieder ausdrucken, wieder markieren, wieder übertragen

Der Text wurde erneut ausgedruckt, markiert, übertragen, vermischt. Es entstand eine Art analoger Loop, der zwar jede Menge Beschäftigung erzeugte aber kein Ergebnis oder gar Qualität.

Das eigentliche Potenzial blieb abgeschaltet: Lernfähigkeit & System

Besonders paradox war: Die Nutzung der KI wurde so betrieben, als wäre sie eine Schreibmaschine von 1998.

  • kein strukturiertes Prompting
  • kein iteratives Arbeiten im Chat
  • keine Text- und Stilregeln
  • keine wiederverwendbaren Vorlagen
  • keine Entwicklung des Accounts / der Arbeitsweise
  • kein Nutzen von gespeicherten Anweisungen, Templates oder Standards
  • kein Aufbau eines „Brand- & Style-Systems“

Ergebnis: Viel Druckerschwärze, viel Handarbeit, viel Frust und Geschrei (ja, wirklich, mit aus dem Raum rennen, als ob jemand anders was dafür könnte), aber am Ende ein Text, der weder strategisch, noch sprachlich stark, noch irgendwie konsistent war. Und vor allem: Keine Lernkurve. Jeder Durchlauf begann wieder bei Null.

Warum das so fatal ist?

Dieses Vorgehen verhindert genau das, was KI eigentlich leisten soll:

  • Kein Qualitätshebel: Ohne Parameter kann KI nicht präzise werden.
  • Kein Fortschritt: Wer jedes Mal „neu würfelt“, bekommt Zufall statt System.
  • Kein Stil: Ohne Stilregeln gibt es keine Markenstimme, nur wechselnde Textfarben.
  • Kein Workflow: Drucken/Markieren ist ein Umweg, der Iterationen zerstört.
  • Kein Ownership: Man bastelt Texte zusammen, statt ein Modell zu führen.

Die bessere Anleitung: Ein Workflow, der wirklich funktioniert

A) In 15 Minuten die Basis einrichten (damit KI nicht blind schreiben muss)

1) Ziel & Einsatzbereich definieren (1 Minute)

  • „Ich schreibe Newsletter für [Zielgruppe] mit Ziel [Termin buchen / Produkt kaufen / Vertrauen aufbauen].“

2) Stil & Ton festlegen (3 Minuten) Beispiel:

  • Ton: professionell, direkt, ruhig, gelegentlich pointiert
  • Satzlänge: eher kurz-mittel
  • No-Gos: Floskeln, Buzzwords, „in der heutigen Zeit“, „maßgeschneidert“, „ganzheitlich“ (oder was auch immer)
  • Must-haves: klare H-Struktur, konkrete Beispiele, klare CTA

3) Standard-Struktur speichern (3 Minuten) Newsletter-Blueprint (einmal festlegen, immer wieder nutzen):

  • Betreff (2 Varianten)
  • Hook (1–3 Sätze)
  • Problem/Spannung
  • Kernidee + 3 Bullet-Argumente
  • Beispiel/Ministory
  • Mini-Übung oder Reflexionsfrage
  • CTA (klar, 1 Satz)
  • PS (optional)

4) Qualitätskriterien definieren (2 Minuten)

  • „Kein Text geht raus ohne: klare These, konkrete Beispiele, 1 CTA, keine Wiederholungen, keine leeren Adjektive.“

5) Referenzen richtig nutzen (6 Minuten) Nicht: „Schreib wie Copywriter X.“ Sondern:

  • „Analysiere diese 2 Texte. Extrahiere 10 Stilregeln (Rhythmus, Satzbau, rhetorische Mittel, Dramaturgie). Nutze die Regeln, ohne zu imitieren.“

Wenn aus Datenschutzgründen „Mitlernen“ deaktiviert sein muss: völlig okay. Dann ersetzt man „Memory“ durch eine feste Arbeitsvorlage, die man jedes Mal einfügt (siehe Prompt-Templates unten). Das ist immer noch Welten besser als Chaos mit Lippenstift.


B) Der richtige Prozess: Von Rohtext zu starkem Text – ohne Ausdruck-Orgie und Material im Urlaub vergessen

Schritt 1: Briefing statt Prompt

Ein Prompt ohne Parameter ist wie: „Bau mir ein Haus.“ Du brauchst mindestens:

  • Zielgruppe
  • Ziel
  • Thema/These
  • Angebot/CTA
  • Beispiele/Erlebnisse (stichpunktartig)
  • Tonalität
  • Länge
  • Struktur

Schritt 2: Erstentwurf (Version 1) KI schreibt 1 saubere Version nach Blueprint.

Schritt 3: Diagnose statt „nochmal würfeln“ Du lässt die KI den Text bewerten, bevor du neu generierst:

  • Was ist stark?
  • Was ist schwach?
  • Wo fehlen Belege / Konkretion?
  • Wo ist es zu generisch?
  • Welche Passagen sind redundant?

Schritt 4: Präzise Revision (Version 2) Du gibst klare Änderungsanweisungen:

  • „Hook härter, kürzer.“
  • „Absatz 2: ein Beispiel aus Alltag/Projekt.“
  • „CTA: nur 1 Satz, ohne Druck.“

Schritt 5: Stil-Politur (Version 3)

  • Wiederholungen entfernen
  • Satzrhythmus
  • Wörterliste: vermeiden/erlauben
  • Lesbarkeit & Punch

Schritt 6: Finales Format + Varianten

  • Betreff 5 Varianten
  • Hook 3 Varianten
  • CTA 3 Varianten

So entsteht Qualität in einem Fluss. Ohne Papier, ohne Marker, ohne Copy-Paste-Labyrinth, das dann irgendwo wie so vieles vergammelt.

Prompt-Vorlagen (zum Kopieren)

1) „Newsletter in einem Schuss“

Rolle: Du bist Copywriter für B2B-Newsletters. Zielgruppe: [Zielgruppe] Ziel: [z.B. Terminbuchung] Thema/These: [These in 1 Satz] Angebot/CTA: [CTA] Ton: professionell, direkt, klar; keine Floskeln; keine Buzzwords. Struktur: Betreff x2, Hook, Problem, Kernidee, 3 Bullet-Argumente, kurzes Beispiel, Reflexionsfrage, CTA, optional PS. Länge: ca. [X] Wörter. Besonderheit: Nutze konkrete Bilder/Metaphern aus [Branche/Alltag]. Input-Stichpunkte:

  • [Punkt 1]
  • [Punkt 2]
  • [Punkt 3]

2) „Diagnose & Reparatur“ (mein Favorit)

Hier ist der Text: [Text einfügen]

Aufgabe:

  1. Liste die 7 größten Schwächen (konkret, nicht allgemein).
  2. Nenne pro Schwäche eine klare Reparaturmaßnahme.
  3. Erstelle dann eine überarbeitete Version, die die Maßnahmen umsetzt. Regeln: kein Blabla, mehr Konkretion, klare Dramaturgie, 1 CTA.

3) „Stil-Regeln aus Referenzen extrahieren“ (statt Copywriter-Imitation)

Analysiere diese zwei Newsletter und extrahiere 12 Stilregeln (z.B. Satzlänge, Hook-Technik, Struktur, rhetorische Muster, Übergänge, CTA-Stil). Danach schreibe einen neuen Newsletter zum Thema [Thema], der diese Regeln nutzt, aber keine Formulierungen kopiert.

Referenz A: [Text]

Referenz B: [Text]


Wenn „Mitlernen“ absichtlich aus ist: So baut man trotzdem ein System

Auch ohne Memory/Cross-Chat kannst Du sauber arbeiten. Das ist keine Ausrede für unteres Mittelmaß. Du brauchst dann nur:

  • eine Standard-Briefing-Vorlage (wie oben)
  • eine Stil-Regel-Liste (10–15 Regeln)
  • einen Blueprint (Newsletter-Struktur)
  • optional: eine Wörterliste („bitte nicht sagen: …“, „bitte häufig sagen: …“)

Das wird Dein „externes Gedächtnis“. Es ist planbar, wiederholbar und skalierbar. Und vergisst nicht nach 2 Minuten.

KI ist kein Losautomat, aus dem man fünf mittelmäßige Zettel zieht, um daraus einen sechsten noch Schlimmeren zu basteln, KI ist ein iteratives Schreibsystem, das mit klaren Parametern, Diagnose und Revision in wenigen Durchläufen wirklich gute Texte liefert und dabei fürs nächste Mal lernen kann.

Meine Meinung

Dieses Horror-Szenario war zwar extrem, aber im Kern kein individuelles Problem, es ist ein Übergangsphänomen: Menschen versuchen, ein neues Werkzeug mit den alten Reflexen zu bedienen. Wer KI wie „EDV 1998“ oder schlechter nutzt, bekommt 1998er Ergebnisse, nur schneller ausgedruckt ;).

Wenn Sie jedoch einmal ein kleines System aufsetzen (Blueprint + Stilregeln + Diagnoseprozess), entsteht plötzlich etwas Seltenes: Qualität, die sich wiederholen lässt. Und genau das ist der Punkt, an dem KI nicht mehr Spielerei ist, sondern ein produktives, strategisches Werkzeug.

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